Podcast "It's about Leadership" - Folge 4

15. Juli 2019

Mit wem sprechen wir in dieser Folge?

Britta Redmann.

 

Aus welchem Bereich kommt unser.e Gesprächspartner.in?

Britta Redmann ist Director Corporate Development & HR und gestaltet mit ihrem Team die HR-Themen bei der VEDA GmbH. Darüber hinaus ist sie selbstständige Mediatorin & Coach. Sie bringt zwei Perspektiven auf Führung mit. Zum einen innerhalb der Organisation, zum anderen von außen. Brittas Führungsverständnis ist geprägt von ihrer Neugierde auf Menschen und von ihrem ausgeprägten Gestaltungswillen. Dieser ist sogar so stark, dass sie einmal lieber eine ziemlich herausfordernde Führungsrolle annahm, als sich jemanden vor die Nase setzen zu lassen.

Wir sprechen mit ihr darüber, was ihr in ihrer Führungsrolle gut gelingt und Freude bereitet, aber auch, was ihr nicht so liegt, wo sie ihre Grenzen sieht und wie sie damit umgeht. Außerdem reden wir über Lernen durch „So will ich es auf gar keinen Fall machen“, über das, was ihr ihre Arbeit mit Ehrenamtler.innen für Erkenntnisse über Motivation geliefert hat und darüber, was Führung anstrengend, aber auch erfolgreich macht.

 

Wo haben wir mit ihr gesprochen?

Fachhochschule Aachen (mit Blick über die Dächer auf viel Grün).

 

Wir kennen uns bisher fast nur virtuell über Twitter, LinkedIn und Instagram, heute sehen wir uns zum ersten Mal in echt. Ich freue mich sehr. Magst du dich einmal den Hörerinnen und Hörern vorstellen und Ihnen sagen, was dich ausmacht?

Ich bin Britta Redmann, und mich macht aus, dass ich immer verschiedene Dinge auf einmal tue und sehr neugierig auf viele unterschiedliche Wege bin. Das zieht sich bisher wie ein roter Faden durch mein Leben. Ich bin studierte Juristin, Anwältin. Mir war jedoch relativ früh klar, dass mir das zu einseitig ist. Hinzu kommt, dass ich sehr früh in einem Unternehmen gestartet bin, weil ich etwas gestalten wollte. Das erschien mir einfacher im Personalwesen, als wenn ich nur vor Gericht zöge. So arbeitete ich in verschiedenen Bereichen von HR und hatte dort auch immer wieder mit arbeitsrechtlichen Fragestellungen zu tun. Am Anfang meiner Karriere interessierten mich am meisten die Arbeitsentwicklungsthemen, Organisationsentwicklung, Führungsgeschichten und Coaching. Doch im Laufe der Jahre entdeckte ich tatsächlich meine Liebe zum Arbeitsrecht wieder. Durch dieses neue Arbeiten, „New work“, das in den letzten Jahren immer mehr zum Thema wurde, wurde ich noch mal so richtig angetriggert, was für mich zu einem neuen Einstieg wurde, mich wieder mit arbeitsrechtlichen Themen zu beschäftigen und dort Gestaltungsmöglichkeiten zu finden.

Ich habe zwei Wohnsitze, in Aachen und in Köln, bin also auch privat sehr bewegt. Ich reise gerne, bin sehr gerne an unterschiedlichen Orten, rede gerne mit Menschen, esse gerne und mache auch gerne Sport.

 

Ich finde es interessant, dass du dein Interesse an Arbeitsrecht wiedergefunden hast, weil das für mich ein Thema ist, dass ich gerne weit weggeschoben habe. Doch du hast wirklich deine Leidenschaft darin gefunden, richtig?

Ja. Zunehmend immer mehr. Während des Studiums war ich nicht die Studentin, die von Anfang an gesagt hat: „Jura find ich total geil!“, sondern bereits im Studium fand ich alles, bis auf Arbeitsrecht, ziemlich anstrengend. An Arbeitsrecht gefiel mir, dass es sich sehr stark durch die Rechtsprechung prägt und auch viel Veränderung darinsteckte. Zumindest im Vergleich zum Strafrecht oder der Vertragsgestaltung. Mittlerweile ist es so, dass sich durch die Einflüsse, die wir haben, durch die Digitalisierung und die Fragestellung, wie wir unsere Arbeitswelt gestalten, superspannende Betätigungsfelder auftun. Ich nenne sie gerne „Spielräume“, bei denen es darum geht, sie rechtlich zu erschließen. Das braucht zum einen eine Kenntnis über die Möglichkeiten, zum anderen aber auch eine kreative Herangehensweise. Das ist eine Kombination, die mich sehr anspricht.

 

Kreativität und Arbeitsrecht passen also zusammen.

Genau. Einerseits die Struktur, die ich auch mag. Andererseits, Dinge neu zu erschließen.

 

Du hast ja nicht nur zwei Wohnsitze, sondern auch zwei Rollen, in denen du in deinem Arbeitsleben unterwegs bist. Womit beschäftigst du dich zurzeit?

Zum einen bin ich angestellt als Director Corporate Development & HR, zu Deutsch: Unternehmensentwicklung und HR. Die VEDA ist ein Softwareunternehmen, das Personalsoftware anbietet. Das ist spannend, weil wir gucken, dass wir das, was wir teilweise erleben, gut in einer Software unterbringen können. Auch beobachten wir, wohin sich die Personalwelt von Morgen entwickelt und welche technische Unterstützung benötigt wird. Außerdem bin ich selbstständig als Anwältin, Mediatorin und Coach tätig. So habe ich alle Facetten, die es in unserem Arbeitsleben so gibt.

 

«Beides zusammen ergänzt sich prima, weil ich in beiden Bereichen unheimlich viel lerne und mitbekomme.»

 

Auf der einen Seite die Festanstellung mit dem Eingebundensein in eine Organisation. Wenn wir einen Veränderungsprozess angehen, ist der nicht morgen weg wie ein.e Berater.in, sondern ich muss mit den Dingen leben. Und auf der anderen Seite kriege ich durch die selbstständige Tätigkeit eine ganz andere Perspektive auf das Arbeitsleben. Ich kümmere mich um Aufträge, mache Marketing, also Aufgaben, die ich im Angestelltenverhältnis nicht machen muss. Außerdem kriege ich eine ganz andere Vielseitigkeit an Einblicken. Beides zusammen ergänzt sich prima, weil ich in beiden Bereichen unheimlich viel lerne und mitbekomme. Gleichzeitig arbeite ich gerne in einem festen Verbund, einem Team. Aber durch die Selbstständigkeit bekomme ich auch immer wieder ganz andere Fragestellungen. Das lässt sich super verbinden und entspricht mir sehr.

 

Wir sind auf Twitter in einer ähnlichen Filterblase, in der es um „anders arbeiten“, „anders führen“, „Rahmenbedingungen gestalten“ geht. Ich finde es spannend bei dir, was du in einer Person verbindest: die Rolle in einer Organisation, in der du führst, aber auch die Außenperspektive einer Beraterin, die sich mit dem Thema Führung beschäftigt. Wie würdest du dein Verständnis von Führung beschreiben?

 

«Führung ist meiner Erfahrung nach etwas sehr Individuelles

 

Ich habe festgestellt, dass es für mich nicht DIE Führung gibt. Führung ist etwas sehr Persönliches, das mit mir als Mensch, mit meinen Werten und Vorstellungen zusammenhängt, aber auch damit, in welchem Gefüge ich mich bewege. Das führt auch zu Wechselwirkungen. Mal klappt etwas besser, mal nicht so gut. Führung ist meiner Erfahrung nach etwas sehr Individuelles. Wenn ich von außen sehe, wie Führungskräfte auf bestimmte Führungsweisen trainiert wurden, mag das eine gewisse Zeit funktionieren, jedoch ist es mit sehr viel Aufwand verbunden und für die Personen oftmals sehr schwierig, das erlernte Verhalten aufrechtzuerhalten. Wenn man aber nur so ist, wie man ist, wird es auch schwierig, denn es muss ja mit dem Umfeld zusammenpassen, kompatibel sein. Also läuft es immer darauf hinaus, mich sehr viel mit mir selbst auseinanderzusetzen, wenn ich eine Führungsrolle innehabe. Wenn eine Selbstreflexion, auch mit anderen, gelingt, wenn andere mir mein Verhalten spiegeln können, ist das Ganze sehr viel einfacher. Nicht nur für mich selbst, auch für das Team, das Umfeld, die Organisation.

 

Wie lebst du das? Es ist ja nicht immer einfach, das auch so durchzuziehen.

Das stimmt. Es hilft mir, Feedback einzuholen. In der Firma haben wir dafür ein entsprechendes Tool. Außerdem ist mir ein offener Umgang mit meinen engsten Teamkolleg.innen wichtig. Da passieren dann auch Anmerkungen oder Rückmeldungen. Wir denken gemeinsam darüber nach, wie etwas gelaufen ist oder was gerade passiert ist. Diese Rückmeldungen werden dabei nicht zu einem riesigen Thema, sie werden einfach gemacht, sodass sie in ein alltägliches Muster übergehen.

Wenn ich selbstständig unterwegs und bei Kund.innen bin, mache ich auch regelmäßige Feedbackrunden bzw. hole hinterher Feedback ein. Damit arbeite ich am meisten.

 

Was, schätzt du, gelingt dir am besten in der Zusammenarbeit bzw. der Führung mit anderen?

Ich denke, ich komme gut in Kontakt. Denn Menschen finde ich grundsätzlich faszinierend. Was sie ausmacht, warum sie etwas tun, wieso sie sich für etwas interessieren. Darin kann ich aufgehen. Ich mag es auch, mit anderen zusammen, Neues zu machen. Das muss mich natürlich auch ansprechen, aber wenn es ein Thema/Ergebnis gibt, zu dem wir hinwollen, mag ich es, das gemeinsam auf den Weg zu bringen. Zusammen loszulaufen, sich kleine Zwischenetappen zu setzen, zu sehen, wie sich etwas entwickelt. Wir gründen hier in Aachen ein Innovation Lab, und dieses Projekt voranzutreiben, zu gucken, wie das funktioniert, Sachen auszuprobieren, Erfolge zu haben, Feedback zu bekommen, das entspricht mir, das mache ich gerne. Ich glaube auch, dass mir Dinge entsprechen, bei denen ich keinen kleingesteckten Rahmen habe.

Eine Herausforderung ist es für mich, wenn es um diese ganz kleinen Sachen geht, denn ich bin nicht die Sorgfältigste. Ich bin auch kein großer Zahlenmensch. Manchmal braucht es aber einen Menschen, der einen Schrittchen für Schrittchen begleitet, und das fällt mir schwer.

 

Fällt es dir schwer, und es geht trotzdem, oder fällt es dir schwer, und es funktioniert auch nicht immer?

Das kommt darauf an. Ich bemühe mich immer, solche Dinge offenzumachen. Meine ersten Führungserfahrungen waren, so zu tun, als würde ich alles können, aber das hat nicht gut funktioniert und war für alle sehr anstrengend. Mittlerweile spreche ich das an, nach dem Motto „Darin bin ich nicht gut“. Und dann bemühe ich mich zu gucken, wer darin gut ist. Denn der Bedarf ist ja da, also schaue ich, wer es besser kann als ich. Die beiden Personen ergeben dann vielleicht sogar ein super Gespann, aus dem ich mich zurückziehen kann. Ich schaue also, was der-/demjenigen guttut und was diese Person braucht. Wenn ich mit meinen Fähigkeiten an Grenzen komme, versuche ich, neue Wege zu finden und anders zu gestalten.

 

Wie reagiert dein Umfeld darauf, wenn du transparent über deine Schwächen sprichst? Wird das immer gut angenommen?

 

«In unserer Arbeitswelt herrscht die Einstellung, dass Führungskräfte alles können müssen.»

 

Unterschiedlich. Bei einer engen Begleitung ist es wichtig, dass die Menschen zueinander passen. Da muss eine enge, vertrauensvolle Beziehung bestehen. Da herrscht erst einmal Unsicherheit. Auch wenn ich als Führungskraft sage, dass ich in etwas nicht gut bin. In unserer Arbeitswelt herrscht die Einstellung, dass Führungskräfte alles können müssen. Von daher mutet es oftmals erst einmal komisch an, wenn ich sage, dass ich eben nicht alles kann und vorschlage, jemanden zu suchen, die/der darin besser ist. Tatsächlich hängt es vom Typ Mensch ab.

Andere wiederum sagen, dass sie es total cool finden, wenn ich so transparent kommuniziere, weil es sie erleichtert. Sie müssen dann selbst nicht perfekt sein. Es nimmt dieser Rolle „Führung“ ein bisschen die Schwere.

 

Ich finde, dass es eine unfassbar überladene Erwartung an die Rolle der Führungskraft gibt. Nun bist du ja im Bereich New work unterwegs, wie erlebst du dieses Spannungsfeld zwischen der eher althergebrachten Rollenerwartung an Führungskräfte und gleichzeitig dem Anspruch, anders zu führen?

Es ist genau das: ein Spannungsverhältnis. Und es gibt nicht die eine richtige Lösung. Weder in einer Situation, noch auf ein Team bezogen. Und wie ich eben sagte, ist das Thema Führung bzw. Zusammenarbeit ein ganz individuelles. Wir haben alle bestimmte Vorlieben. Manche lieben es strukturiert, geplant oder vorhersehbar. Wenn man da zu „new workig“ rüberkommt, und denen sagt, dass da am Horizont das Ziel zu sehen ist und sie nun schauen sollen, wie sie dorthin gelangen, kann das Panik auslösen. Dann kommt nichts Gutes dabei rum. Wenn ich hingegen zu detailliert vorgehe und jeden dritten Meter abstecke, verliere ich vielleicht andere auf dem Weg. Wir haben aber nun einmal immer eine Mischung an Bord, und vielleicht ist auch die Mischung, je nachdem, um welches Thema es sich handelt, anders. Das bedeutet, immer wieder zu schauen, in welcher Situation ich mich bewege, was die Gruppe jetzt braucht, wer in dieser Gruppe ist, die/den Einzelnen zu betrachten und eine Zusammenarbeit zu gestaltet, die den meisten entspricht. Alle Ansprüche zu erfüllen, ist zwar ein hehres Ziel, aber nicht die gelebte Realität.

 

Das klingt total anstrengend.

 

«Vielleicht muss ich auch ein anderes Tool nutzen, um Leute einzubinden.»

 

Natürlich ist es anders als wir bisher gearbeitet haben. Aber wenn du mit Menschen zu tun hast, ist ja jede/r unterschiedlich drauf. Wir stehen nicht jeden Tag gleich auf oder sind gleichgut gelaunt. Es erfordert ein bestimmtes Fingerspitzengefühl für die Situation. Mitzubekommen, ob etwas harmoniert, wo Widerstände sind, wo sich jemand nicht traut, etwas zu sagen. Vielleicht muss ich auch ein anderes Tool nutzen, um Leute einzubinden, die sich nicht so öffentlich äußern wollen. Denn darauf zu drängen, über alles zu reden, ist nicht immer die beste Methode. Es bedarf einer gewissen Sensibilität sowie einer Mischung an Impulsen, die ich gebe. Und natürlich ein Ausprobieren, denn ich weiß es vorher nicht, was funktioniert.

 

Was würdest du einer Führungskraft sagen, die lieber bei Altbewährtem bleiben möchte, weil sie nicht weiß, was auf sie zukommt und daran festhalten will, womit sie Erfahrungen hat?

Ich kann das in gewisser Weise nachvollziehen, denn wenn ich so situativ unterwegs bin, bedeutet das auch einen erhöhten Kommunikationsaufwand, sogar einen erhöhten konfliktären Aufwand. Für mich ist es vielleicht viel einfacher, die Chefin raushängen zu lassen und zu sagen, was zu machen ist, denn dann muss ich mich nicht mit einer Gegenfrage auseinandersetzen, denke sogar, dass ich Zeit gespart habe. Aber tut das der Organisation gut? Worauf läuft das hinaus? Denn heutzutage bin ich im sogenannten Businessbereich angewiesen auf Mitarbeitende, die mitdenken, selbst denken, Schlüsse ziehen können und Ideen haben. Wichtig ist es auch, bei den neuen Formen der Zusammenarbeit, zum Beispiel bei der virtuellen, ohne Gestik oder Mimik kommunizieren zu können. Dafür brauche ich eine Antenne für den anderen. Doch wie soll ich das lernen oder üben, wenn vor mir ein.e Alleinentscheider.in steht, die/der keinen Raum für Entwicklungen lässt. Insofern ist es notwendig, anders zu führen. Ja, es ist anstrengend, besonders, wenn ich es anders gewohnt bin. Und nicht jede.r wird Führungskraft aus Leidenschaft. Früher war es üblich, Karriere zu machen und dann Führungskraft zu werden.

 

Wie ist das denn bei dir? Führungskraft aus Leidenschaft oder hat es sich so ergeben?

Ich habe ja diesen extremen Gestaltungsdrang, und damals war es wirklich so, dass du als Führungskraft mehr gestalten konntest. Heute ist das nicht mehr so. Dennoch ist es immer noch mit bestimmten Kompetenzen, im Sinne von Entscheidungsbefugnissen, verbunden. Das war meine Motivation. Und auch gemeinsam mit anderen etwas zu tun. Das ginge natürlich auch innerhalb eines Teams, aber dann hätte ich nicht diesen Gestaltungsfreiraum gehabt.

 

Wenn Teams heute selbstorganisiert funktionieren, hat die Führungskraft nicht mehr so viel mehr Kompetenzen als das Team. Aber das ist ja noch nicht überall so und auch noch nicht so lange so.

Manchmal ist es ja auch eine Begleitung bzw. Entwicklung, dahinzukommen.

 

Du hast eben von damals gesprochen. Was oder wer hat dich auf deinem Weg zur Führungskraft geprägt?

Meine Eltern. Meine Mutter ist ganz schnell wieder arbeiten gegangen, als ich noch klein war, was zu der Zeit nicht üblich war. Das Thema Arbeit war in unserer Familie immer ein großes Thema, ein prägendes Thema. Ich habe ganz früh angefangen zu jobben. Ich habe Zeitungen ausgetragen oder auch in einer Kakaofabrik gearbeitet. Durch diese unterschiedlichen Jobs erlebte ich natürlich auch unterschiedlichste Situationen. In der Kakaofabrik wurde zum Beispiel mit Akkordlohn gearbeitet, da herrschte eine ganz „eigene“ Kommunikation zur Vorarbeiterin. So lernte ich, dass ich mit dieser Art später sicherlich Schwierigkeiten bekommen würde. Mich haben viele Beispiele geprägt, die mir verdeutlichten, dass ich es so niemals machen würde, wäre ich selbst Führungskraft. Ich habe gemerkt, welche Auswirkungen das Verhalten auf mich hatte, wie es mich in meiner Motivation einschränkte, und das wollte ich nicht.

 

«Entweder lief es oder es lief eben nicht.»

 

Ein weiterer ganz entscheidender Faktor war für mich auch, dass ich vor einigen Jahren angefangen habe, mich mit ehrenamtlicher Führung auseinanderzusetzen, weil ich in einer Non-Profit-Organisation arbeitete. Hauptamtlich. Dort sah ich, dass Dinge, auf die wir hauptamtlich so viel Mühe aufwandten, beispielsweise der Umgang miteinander, im Ehrenamt einfach so passierten. Entweder lief es oder es lief eben nicht. Das fand ich spannend, und so beschäftigte ich mich mit Führung außerhalb eines Vertragsverhältnisses. Dabei stolperte ich massiv über das Thema Motivation, was mir entscheidende Aha-Erlebnisse brachte.

 

Dass Führung nichts mit einer vorgegebenen Hierarchie zu tun haben muss, sondern viel stärker, ob ich diesem Menschen, dieser Idee, diesem Thema folgen möchte.

Absolut. Das, und auch die Frage, was die/der Andere will und braucht. Das spielt eine entscheidende Rolle. Aus meiner Sicht besteht die Hauptaufgabe von Führung darin, der/dem Anderen den Raum zu geben, dass sie/er genau das tun kann, was gebraucht wird und was ihr/ihm entspricht.

 

Du hast gesagt, dass Führung auch anstrengend ist. Wo findest du die Inspiration und Motivation dranzubleiben?

Was mir guttut, ist Bewegung. Am besten draußen. Dafür muss ich nicht zehn Kilometer joggen oder eine Reise machen, es kann auch einfach nur ein Spaziergang oder ein kurzes Sitzen in der Sonne sein. Das spendet mir Kraft. Draußensein und Bewegung machen meinen Kopf frei. Und dieser freie Kopf ist die Voraussetzung dafür, dass ich überhaupt Impulse aufnehmen kann. Durch die beiden Tätigkeiten, die ich ausübe, habe ich das große Glück, unendlich viele Impulse zu erhalten. Diesen Input verarbeite ich dann draußen in der Sonne.

 

Was war für dich in Sachen Führung bisher die größte Herausforderung?

Als ich von jetzt auf gleich für ein 20-köpfiges Team verantwortlich war, das an unterschiedlichen Standorten saß, aus unterschiedlichen Firmenhintergründen und -kulturen kam, und ich plötzlich für sie alle zuständig war. Durch eine Fusion waren wir zusammengelegt worden, und auf dem Papier waren wir plötzlich ein Team, ohne uns je gesehen zu haben. Ich fragte mich, wie wir das schaffen sollten, wie Beziehungen aufgebaut werden und gleichzeitig an einer neuen Firmenstruktur gearbeitet werden sollte. Das war eine irre Herausforderung. Ich kannte nur einen kleinen Teil des Teams. Es war herausfordernd, aber auch sehr bereichernd und eine tolle Erfahrung. Wir haben zuerst Telefonkonferenzen gemacht, E-Mails geschickt, uns dann aber auch regelmäßig gesehen, um sich in einem anderen Kontext austauschen zu können.

 

Und wie bist du für dich persönlich damit umgegangen, vor dieser Herausforderung zu stehen?

Ich hatte die Wahl, sie anzunehmen oder eine/n vor die Nase gesetzt zu bekommen. Also nahm ich die Herausforderung an, denn da war der Gestaltungsdrang wieder.

 

Das hat dich dann auch motiviert?

 

«Ich hatte durchaus auch Schiss davor, aber ich wollte es ausprobieren.»

 

Ein kleines Team hatte ich ja schon, und die haben mich darin bestärkt, in die Führungsrolle zu gehen. Das war gut. Dass mir die Rolle überhaupt angetragen wurde, war natürlich auch eine Bestärkung, die guttat. Ich hatte durchaus auch Schiss davor, aber ich wollte es ausprobieren.

 

Du beschäftigst dich in deinen beiden Rollen intensiv mit dem Thema Führung. Was meinst du, wohin sich Führung in der Zukunft entwickelt?

Ich glaube, dass es in Gruppen immer Führung geben wird. Das ist eine normale gruppendynamische Funktion. Außerdem glaube ich, dass Führung eine Aufgabe ist, die einer bestimmten Vergütung bedarf, doch verbinden wir Führung oftmals mit bestimmten Titeln und sonstigen Vorteilen, wie dem Dienstparkplatz. Es wäre schön, wenn Führung nicht mehr automatisch mit Titeln oder Statussymbolen versehen würde. Auch würde ich mich sehr freuen, wenn das Thema Führung positiver belegt werden würde. Ich erlebe es so, dass im Moment wenig Lust besteht, diese Verantwortlichkeit, oder auch Verbindlichkeit, zu übernehmen. Ich übernehme für einen bestimmten Abschnitt Verantwortung, doch das fällt vielen Menschen heutzutage schwer. Dabei ist das eine wichtige Funktion, und es wäre gut, mehr Spaß hineinzubringen. Man kann so viel gestalten und Möglichkeiten vermitteln.

 

Den nachfolgenden Generationen wird nachgesagt, dass sie kein großes Interesse daran haben, Führungspositionen einzunehmen. Was würdest du einem Menschen raten, der vor dieser Überlegung steht?

 

«Wo habe ich ein Ziel vorgegeben oder andere Menschen begeistert oder dazu motiviert, bei etwas mitzumachen?»

 

Ich bin eher der Typ, der es ausprobieren will. Dann kann ich immer noch schauen, ob ich dranbleiben möchte. Oder ich schaue auf mein Leben und überlege, in welchen Momenten ich bereits geführt habe, ohne es zu bemerken. Vielleicht habe ich mich in meinem Freundeskreis für eine bestimmte Sache engagiert und verband das gar nicht mit Führung. Wo habe ich ein Ziel vorgegeben oder andere Menschen begeistert oder dazu motiviert, bei etwas mitzumachen? Und dann probiere ich es einfach aus.

 

Ich habe dir viele Fragen gestellt, und wir nähern uns dem Ende unseres Gesprächs. Gibt es noch eine Frage, die ich dir nicht gestellt habe, auf die du aber gerne eine Antwort geben möchtest?

Nicht wirklich. Alles gut. Die wichtigste Frage hast du direkt zu Beginn gestellt, nämlich das Führung etwas ganz Individuelles ist.

 

Dann verrate mir doch zum Abschluss noch, mit wem du dich total gerne über Führung unterhalten würdest.

Ich kann das nicht an einer Person festmachen. Gerne würde ich mich mal mit einer/m Politiker.in und jemandem, die/der ein Unternehmen leitet über Führung unterhalten. Am liebsten in Form einer Diskussionsrunde. Wo ein.e Bundeskanzler/in auf ein.e Konzernchef.in sowie auf eine.n Mittelständler.in trifft, gerne auch mit mindestens 50 Prozent Frauenbeteiligung.

 

Was würde dich daran reizen, diese Personen an einem Tisch zu haben?

Die unterschiedlichen Perspektiven. Ich denke, es ist ein Unterschied, ob ich politisch tätig bin oder in einem Unternehmen Dinge erwirtschaften muss. Auch ist es ein Unterschied, ob ich in einem Konzern mit vielen Mitarbeitenden unterwegs bin oder hemdsärmelig auf einer Ebene. Und ja, ich würde auch gerne die unterschiedlichen Perspektiven von Männern und Frauen, wie sie die Dinge so angehen, hören.

 

Da wäre ich gerne dabei.

Liebe Britta, ich danke dir ganz herzlich für dieses Gespräch, es war mir eine Freude.

 

Wer das Gespräch nachhören möchte, kann dies hier tun https://soundcloud.com/user-675701835/episode-04. Dort finden sich auch alle unsere weiteren Podcast-Folgen.

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